Wolfgang Landgraeber gehörte als langjähriger Redakteur bei Monitor und Panorama zu den renommiertesten investigativen Magazinjournalisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Deutschland. Daneben hat er mehr als 30 teils preisgekrönte politische Dokumentationen und Reportagen produziert und als Redakteur 100 weitere verantwortet. Seit seiner Pensionierung arbeitet er als freier Filmemacher, Journalist und Dozent in München.



Das große Schweigen

Wie kann ein Film entstehen, wenn niemand reden will? — Erfahrungen eines Filmemachers in der „Waffenstadt“ Oberndorf am Neckar, Sitz der Rüstungsproduzenten Heckler & Koch und Rheinmetall Defence, vormals Mauser

Die Bürger_innen von Oberndorf, einer 12.000 Einwohner_innen zählenden Stadt am Ostrand des Schwarzwalds, zur Produktion von Handfeuerwaffen zu befragen, ist ein meist aussichtsloses Unterfangen. Wie können und konnten sie seit mehr als 200 Jahren von der Produktion tödlicher Kriegswaffen leben, ohne ihr Gewissen zu belasten? Schon bei meinem ersten Film über das Städtchen Oberndorf und seine wichtigsten Firmen Mauser und Heckler & Koch („Fern vom Krieg“, 1984) unterstützte mich kein_e Vertreter_in der Stadtverwaltung oder von den Chefetagen der beiden Firmen bei dem Wunsch, mit Bewohner_innen und Beschäftigten über die tödliche Wirkung der Waffen aus Oberndorf vor der Kamera zu diskutieren. Die Handfeuerwaffen waren und sind seit 1812, dem Beginn der Gewehrfabrikation in der Stadt, in unzähligen Kriegen auf der Welt bei Soldat_innen, Freischärler_innen, Terrorgruppen und Verbrecher_innenbanden im Einsatz und produzierten seither Millionen von Toten und Verstümmelten — doch niemanden im Ort scheint dies aufzuregen. Von Heckler & Koch selbst gab es 1983, als ich „Fern vom Krieg“ drehte, nicht einmal eine Antwort auf meine Anfrage nach einem Interview oder Gesprächen mit der Belegschaft. Leute auf der Straße, die die Logos der Firmen auf ihrer Mütze oder dem Revers spazierenführten, wollten sich nicht vor der Kamera äußern. Immerhin erklärte sich der damalige Bürgermeister bereit zu einem Interview und versuchte deutlich zu machen, warum sich die meisten Bürger_innen der Stadt mit ihren beiden Waffenfabriken identifizieren und stolz auf ihre Produkte seien.
 
33 Jahre später, bei den Dreharbeiten zu dem neuen Film „Vom Töten leben“ (2016), war der amtierende Bürgermeister nicht einmal dazu bereit. Er spreche mit der Presse grundsätzlich nicht mehr über die Waffenproduktion im Ort, ließ er uns ausrichten – zu schlechte Erfahrungen habe er gemacht. Oberndorfer_innen, die wir auf dem Markt anzusprechen versuchten, drehten uns demonstrativ den Rücken zu. Zu Gesprächen mit Schüler_innen über die Waffenproduktion kam es trotz eines Vorbereitungstreffens mit dem Rektorat nicht. Die Betriebsratsvorsitzende von Heckler & Koch berichtete, sie habe drei Mal den Versuch gemacht, Belegschaftsmitglieder zum Gespräch mit uns zu gewinnen – dreimal erfolglos. Der evangelische Stadtpfarrer, aus dessen Gemeinde viele der Heckler & Koch-Beschäftigten kommen, wollte einen runden Tisch mit Rüstungsbefürworter_innen und –gegner_innen organisieren. Dieser kam nie zustande. Wie sollte also ein Film entstehen über einen Ort und seine Geschichte als „Waffenstadt“, wenn sich niemand zu dem Thema äußern wollte?
 
Die Antwort: Wenn sich die unmittelbar Betroffenen wegducken, versuche es bei den mittelbar Betroffenen. Wenn die eine Konfession sich nicht traut, versuche es bei der anderen. Wenn dir Informationen vorenthalten werden, hol dir Hilfe bei Kolleg_innen, die bereits recherchiert haben. Oder suche in einer Gruppe, die nicht reden will, gezielt nach Einzelnen, die es trotzdem tun.
 

Und so fand ich einen Ex-Oberndorfer, dessen Familiengeschichte aufs Engste verknüpft ist mit der Waffenindustrie und der dies heute kritisch reflektiert. Ich fand zwei katholische Pfarrer, die vor der Kamera darüber sinnieren, warum sie in ihren Oberndorfer Gemeinden das Thema Waffen bisher nicht ein einziges Mal in ihren Predigten angesprochen haben. Auf Vermittlung des einen Pfarrers konnte ich den ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden von Heckler & Koch überreden, sich einem Interview zu stellen. Er erzählte zu meinem Erstaunen freimütig über Stimmungslagen in der Belegschaft und beschrieb den Mehrheitseigentümer Andreas Heeschen als „knallharten Finanzinvestor, der in der Firma eine dankbare Melkkuh gefunden hat.“ Eine Helferin für Geflüchtete hatte den Mut, eine Geldspende von Heckler & Koch für ihre Organisation abzulehnen, weil sie überzeugt ist, dass Waffen die Zunahme von Geflüchteten mit verursachen. Es gelang uns, einen Chirurgen aus Nairobi nach Oberndorf zu holen, der pro Jahr rund 1.000 Patient_innen mit schweren Schussverletzungen am Kopf — zugefügt auch von Heckler & Koch-Waffen — operiert und in Oberndorf vor einem Dutzend Einheimischer einen Vortrag darüber hielt. Aber kein einziger der bei Rheinmetall oder Heckler & Koch Beschäftigten ließ sich blicken.
 
So hatte ich am Ende einige starke Charaktere, die einen Film tragen, aber es war ein langer Weg, sie zu finden. Und wir stießen am buchstäblich letzten Drehtag auf Oberndorfer Weihnachtsmarktbesucher_innen, die sich dann doch noch zum Thema Waffenproduktion äußerten. „Wenn wir es nicht tun, machen es andere“, sagte einer. Das Argument war schon vor über 30 Jahren ziemlich abgenutzt — über bessere verfügen die Waffenhersteller_innen offenbar nicht. Die Stadt Oberndorf, so scheint mir, kommt von ihrem faustischen Pakt mit der Rüstungsindustrie so schnell nicht los.
 
Einige Beobachtungen lassen dennoch hoffen. 2015 wurde in der Oberndorfer Neckarhalle eine unvollendete Mozart-Oper aufgeführt, in der es um Schicksale von Geflüchteten geht. Im Ensemble wirkten Migrant_innen aus Syrien, der Türkei und dem Irak mit — Länder, in denen mit Waffen aus der Neckarstadt gekämpft wurde und wird. Die Halle war ausverkauft.
 
Und: kurz vor Abschluss der Arbeiten an dem Film wandelte sich Heckler & Koch in eine Aktiengesellschaft um. Ich kaufte eine Aktie und wurde zusammen mit dem Rüstungskritiker Jürgen Grässlin und einem Dutzend Gleichgesinnter Mitglied der „Kritischen Aktionäre bei Heckler & Koch“. Seither müssen wir einmal im Jahr zur Aktionärsversammlung eingeladen werden und nutzen die Gelegenheit, die Firma mit Fragen zu löchern – fast 150 waren es dieses Jahr. Die Presse, früher strikt ausgeschlossen, durfte 2019 zum ersten Mal teilnehmen. Wenigstens hier herrscht ab jetzt etwas Transparenz.