Lauren Schnor hat ihren Abschluss in Wirtschaftswissenschaften und Psychologie gemacht. Nach einem Praktikum bei urgewald beschäftigt sie sich momentan mit nachhaltiger Landwirtschaft in Panama. urgewald ist eine Umwelt- und Menschenrechtsorganisation, die Banken und Konzernen auf die Finger schaut, wenn deren Aktivitäten Menschen und Umwelt schaden. „Follow the Money“ ist der strategische Ansatz ihrer Kampagnen gegen Investoren und sonstige Finanziers.



Die Kunst, vom Krieg abzulenken1

Die Ausstellungsankündigungen im PalaisPopulaire, dem ehemaligen Wohnsitz preußischer Prinzessinnen, klingen wie die perfekte Aktivität für einen Sonntagnachmittag. Das PalaisPopulaire gehört zur Deutschen Bank und lässt das Haus in gutem Licht erscheinen. Schließlich sagt die Deutsche Bank über sich selbst, sie sei verantwortungsbewusst und sorge sich um die Gesellschaft und Umwelt.2
Doch die Deutsche Bank ist nicht die einzige Bank bzw. Versicherung mit Interesse an Kunstförderung. Nicht weit entfernt befinden sich die Stiftung Brandenburger Tor – Kulturstiftung der Berliner Sparkassen und die Allianzstiftung am Brandenburger Tor. Auch in Filialen, Büros und eigenen Ausstellungsräumen vielzähliger Finanzinstitute lassen sich Gemälde, Fotografien und Skulpturen bewundern.3
 

PalaisPopulaire, Berlin 2019 (Foto: »Up in Arms«, nGbK Projektgruppe)
PalaisPopulaire, Berlin 2019 (Foto: »Up in Arms«, nGbK Projektgruppe)
 

Der positive Beitrag des Kunstengagements
 
Gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, indem Finanzhäuser junge Künstler_innen fördern, ist lobenswert und für unsere Gesellschaft notwendig. Auch das Sammeln von Werken bekannter und renommierter Künstler_innen ist nicht verwerflich, solange sie nicht als Wertanlage dienen und der Gesellschaft ein Zugang zu ihnen ermöglicht wird.4 Die von Finanzinstituten gegründeten Stiftungen bringen mehrheitlich wichtige Themen auf den Tisch und haben es sich in den meisten Fällen zur Aufgabe gemacht, Kunst-, Kultur- und Bildungsprojekte für die gesamte Gesellschaft zu schaffen.5
 
Aber was genau steckt eigentlich außer Kunstwerken noch hinter den Fassaden dieser meist sehr imposanten Finanzinstitute und ihrer Stiftungen? Oder anders gefragt: Was versteckt sich wirklich hinter der Fassade dieses „enthusiastischen“ Kunstengagements?
 
Die Schattenseite der Finanzinstitute
 
Die Kritik an einem Kunstengagement zielt darauf ab, dass Unternehmen damit versuchen meist fern vom Kerngeschäft ihr Image zu verbessern. Dabei lohnt es sich, einen Blick auf das Kerngeschäft der Finanzinstitute zu werfen, mit der Frage, welches Image hier genau aufgebessert werden soll und warum?
 
Denn, die Allianz, die Deutsche Bank und auch die Sparkassen – beziehungsweise ihre Tochter Deka Investment – sind alle drei in unzählige Rüstungsgeschäfte verwickelt und finanzieren Unternehmen wie Rheinmetall, ThyssenKrupp und Airbus oder haben in sie investiert.6
Die Rüstungsgüter dieser Unternehmen werden in zahlreiche Konfliktregionen exportiert, wie zum Beispiel an Länder, die am Jemen-Krieg beteiligt sind.7 Hunderttausende Menschen sterben seit Jahren alleine in Syrien, im Jemen und im Irak. Im Bürgerkrieg in Syrien kamen seit Ausbruch der Kämpfe schätzungsweise mehr als 350.000 Menschen ums Leben, darunter mehr als 105.000 Zivilist_innen.8 Der Krieg im Jemen ist laut UN die derzeit “größte humanitäre Katastrophe weltweit”.9 Und trotz zunehmender militärischer Konflikte und Bürgerkriege sind viele Finanzhäuser weiterhin bereit, deutsche Rüstungsexporteure zu finanzieren oder sich an ihnen zu beteiligen. Im Hinblick auf die finanzielle Unterstützung von Rüstungskonzernen lässt sich der in der Kunstförderung angepriesene “positive gesellschaftliche Beitrag” somit kaum erkennen.10
 
Förderung von Krieg und Frieden: Ein Widerspruch in sich
 
Das PalaisPopulaire der Deutschen Bank thematisiert im Rahmen der Ausstellung summer of love die kulturelle und politische Bewegung des Jahres 1967, die sich gegen den blutigen Krieg in Vietnam aussprach und für love & peace einsetzte. Allerdings beteiligte sich die Deutsche Bank im Zeitraum von 2015 bis 2017 mit fast zwei Milliarden Euro in Form von Krediten und Anleihen an ausgewählten Rüstungskonzernen.11
 
Und um die Absurdität dieser Ambivalenzen noch zu übertreffen, unterstützt die Kunststiftung der Allianz nicht nur Projekte und Veranstaltungen zum Thema Flucht & Migration, während sie zur gleichen Zeit durch ihre großzügigen Investitionen in verschiedene Rüstungskonzerne den Krieg im Jemen antreibt,12 sondern sie vergibt zusammen mit der Stiftung Brandenburger Tor – Kulturstiftung der Berliner Sparkasse jährlich auch ein Stipendium, den sogenannten Torschreiber am Pariser Platz, an Schriftsteller_innen im Exil. Das diesjährige Stipendium in der Höhe von 12.000 Euro ging an den jemenitischen Autor Galal Alahmadi.13 Wie passt das zusammen?
 
Was “gesellschaftlich gelebte Verantwortung” wirklich bedeuten würde
 
Große Kunstsammlungen und die Kunst- und Kulturstiftungen der Finanzhäuser können und sollten viel mehr sein als ein reines Instrument zu einer positiven Außendarstellung. Um sich der Kritik des “Imageaufpolierers” zu entziehen, müssen sie gesellschaftlich gelebte Verantwortung richtig definieren und auch in die eigenen Finanzhäuser und deren Alltagsgeschäfte integrieren. Ein ehrliches Engagement eines gesellschaftlichen Beitrags lässt sich nicht vereinbaren mit gleichzeitiger finanzieller Unterstützung von Rüstungskonzernen, die in Kriegsgebiete liefern. Statt sich auf philanthropische Ansätze nach dem Motto “Tu Gutes mit dem erwirtschafteten Geld” zu berufen, müssen ökologische und soziale Mindeststandards für Finanzierungen von und Investitionen in fragwürdige Sektoren und Unternehmen verabschiedet werden. Nur so hätte die Kunstförderung von Finanzinstituten einen weniger bitteren Beigeschmack und das Ausstellen von Kunst zu love & peace würde nicht wie eine leere Hülle erscheinen.

1 Der folgende Text ist keine (!) Grundsatzkritik an Kunst- und Kulturförderung, sondern eine Aufforderung das Alltagsgeschäft von Banken zu hinterfragen.
2 https://www.db.com (abgerufen am: 24.04.2019)
3 https://app.handelsblatt.com (abgerufen am: 02.05.2019)
4 https://www.db-palaispopulaire.de (abgerufen am: 05.02.2019)
5 https://stiftungbrandenburgertor.de und https://kulturstiftung.allianz.de (abgerufen am: 05.02.2019)
6 https://urgewald.org (abgerufen am: 24.04.2019)
7 Rüstungsexportberichte der Bundesregierung: https://www.bmwi.de (abgerufen am: 04.24.2019)
8 https://urgewald.org (abgerufen am: 04.24.2019)
9 https://www.tagesschau.de (aberufen am: 04.29.2019)
10 https://www.db-palaispopulaire.de (abgerufen am: 04.29.2019)
11 https://urgewald.org (abgerufen am: 05.07.2019)
12 https://kulturstiftung.allianz.de (abgerufen am: 04.24.2019)
13 https://stiftungbrandenburgertor.de (abgerufen am: 04.24.2019)